Testbericht zum Nissan Micra EV: Eine robustere, ausgereiftere Version des Elektro-Supermini

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Das Segment der Elektro-Supermini wird immer dichter, und die Hersteller kämpfen darum, urbane Agilität mit moderner Fahrdynamik in Einklang zu bringen. Während der Nissan Micra eine Plattform und DNA mit dem Renault 5 teilt, handelt es sich nicht nur um einen neu gestalteten Klon. Unsere Tests zeigen ein Fahrzeug, das einen Teil der spielerischen „Gefügigkeit“ seines Geschwisters gegen ein Gefühl von Robustheit und Reife eintauscht.

Leistung und Beschleunigung

Auf dem Papier ist der Micra etwas langsamer als der Renault 5 und erreicht 0–60 Meilen pro Stunde in 8,1 Sekunden im Vergleich zum Renault mit 7,7 Sekunden. Diese Diskrepanz ist wahrscheinlich auf eine Kombination aus einem etwas höheren Leergewicht (um etwa 20 kg), einer anderen Motorkalibrierung und den spezifischen Eigenschaften seiner Hankook iOn Evo EV-spezifischen Reifen zurückzuführen.

Im realen Fahrbetrieb sagen diese Zahlen jedoch nur die halbe Wahrheit:
Sanfte Leistungsabgabe: Der Micra liefert progressiv Drehmoment. Selbst bei voller Leistung behalten die Vorderräder die Traktion, ohne dass elektronische Stabilitätssysteme aggressiv eingreifen.
Urbane Agilität: Ein 8,1-Sekunden-Sprint ist für diese Klasse sehr wettbewerbsfähig. Obwohl er einen Mini Cooper E nicht überholt, bietet er jede Menge „Eifer“ für den Stadtverkehr und das Fahren mit nationalen Geschwindigkeitsbegrenzungen.
Das „Hot-Hatch“-Gefühl: Das Erreichen von 50 Meilen pro Stunde in etwas mehr als sechs Sekunden erinnert an die nostalgischen Leistungsniveaus klassischer kleiner Hot-Hatch-Modelle von vor zwei Jahrzehnten.

Brems- und Griffdynamik

Ein Bereich, in dem der Micra deutlich von seinem Renault-Pendant abweicht, ist die Bremsleistung und die Straßenhaftung.

Die Wahl der Hankook-Reifen scheint den Bremsweg erheblich zu beeinflussen. Bei trockenen Bedingungen benötigt der Micra fast einen Meter mehr, um aus 70 Meilen pro Stunde zum Stehen zu kommen, als der Renault 5. Bei Nässe vergrößert sich dieser Abstand dramatisch, sodass 7,5 Meter mehr erforderlich sind, um zum Stehen zu kommen. Während diese Zahlen im Vergleich zu einigen Konkurrenten (wie dem BYD Dolphin) immer noch sicher sind, deuten sie darauf hin, dass dem Micra der hartnäckige „Biss“ fehlt, den man im Renault findet.

Außerdem fühlt sich das Bremspedal selbst etwas weich an. Während es für den täglichen Pendelverkehr fortschrittlich und geschmeidig ist, fehlt ihm das feste, kommunikative Feedback, das für temperamentvolles, leistungsstarkes Fahren erforderlich ist. Fahrer können dies durch die paddelbasierte Motorregeneration -Steuerung abmildern, die die Abhängigkeit von Reibungsbremsen verringert.

Treibender Charakter: Substanz über Verspieltheit

Wenn der Renault 5 ein unbeschwerter Entertainer ist, ist der Nissan Micra sein ernsterer, „stämmiger“ Cousin. Das Fahrerlebnis fühlt sich in mehrfacher Hinsicht substanzieller und SUV-artiger an:

  1. Fahrqualität: Die Federung ist straffer und kontrollierter. Anstatt frei zu „wippen“, kontrolliert der Micra vertikale Bewegungen strenger und vermittelt so ein Gefühl der Stabilität.
  2. Lenkung: Die Lenkung bietet mehr Kraft und ein spürbareres Gefühl, bleibt jedoch vorhersehbar und intuitiv.
  3. Handling: Der Micra fühlt sich stabiler an, stößt aber in Kurven früher an seine Grenzen. Dies ist wahrscheinlich auf steifere Stabilisatoren und die spezielle Reifenabstimmung zurückzuführen, die dazu führt, dass die Vorderachse etwas früher in die Breite drückt als beim Renault.

Das Urteil

Für den durchschnittlichen Fahrer bleiben die Nuancen des Micra möglicherweise unbemerkt. Es bietet ein anspruchsvolles, ausgereiftes Fahrerlebnis, das sich „erwachsener“ anfühlt als viele seiner Konkurrenten.

Während der Renault 5 weiterhin der willigere Entertainer und der Mini Cooper E das engagiertere Fahrerwerkzeug bleibt, besetzt der Nissan Micra seine eigene Nische, indem er einen robusten, gelassenen und hochleistungsfähigen elektrischen Alltagsfahrer bietet.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Nissan Micra ein wenig reine Agilität gegen ein ruhigeres und robusteres Fahrgefühl eintauscht, was ihn zu einem ausgereiften Konkurrenten auf dem hart umkämpften Markt für Elektro-Supermini macht.